IM GESPRÄCH: Margit Weihe - Gründerin, Leiterin und Kopf des theaters im e.novum.

„Um ein Theater aufzubauen muss man Risikobereitschaft, Kreativität und viele Ideen, Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Sendungsbewusstsein und ein gewisses Stehvermögen haben.“

Margit Weihe

(Foto: Berit Neß)

Was hat dich dazu bewegt den Verein zu gründen?

Ach, das ist eine lange Geschichte. Ich bin von Haus aus Lehrerin gewesen und habe dann mit meinem Beruf aufgehört, weil ich mich um die Familie gekümmert habe. (...) Dann habe ich aber gemerkt, dass es das nicht ist, und eine Affinität zum Theater hatte ich schon immer.

Daraufhin bin ich auf eine Schauspielschule in Hamburg gegangen und habe eine Schauspielausbildung angefangen. Ich habe danach mehrere Ausbildungen gemacht: Improvisationstheater in den USA, Kommunikations- und Körpersprachentraining, eine Ausbildung in Freiburg zur Theaterpädagogin, eine Ausbildung in Hannover zu Theaterpädagogik, sowie eine Clownsausbildung. Ich habe mich halt immer weiter aus- und fortgebildet.

Dann bin ich mit meiner Comedy Figur „Marianne“, das war eine fränkische Hausfrau, die immer über die Fallstricke des Alltags erzählte, aufgetreten, und bin dann über die Lande getingelt. Mein Mann hatte dann das e.novum Gründungszentrum ins Leben gerufen (...) und meinte: „Mensch, da ist doch ein Raum, den wir dir als Bühne bauen können (...).“ Ich bin dann einmal mit meiner Figur „Marianne“ auf dieser Bühne aufgetreten, danach nie wieder.

Kannst du dir denn vorstellen nochmal zu spielen?

Nein, also mein Job ist vor der Bühne. Es ist super zu wissen, wie es auf der Bühne ist, (...) also ich weiß z.B. immer, wie sich die Leute auf der Bühne fühlen könnten. Das Spielen ist für mich wichtig gewesen, um zu wissen, wie ich mit dem Publikum umgehen soll, weil es ja wirklich ein Kommunikationsdiskurs und auch ein Dialog mit dem Publikum ist.

„Es ist so variantenreich, (...) jeden Tag ist irgendetwas anderes, und du wirst auch immer wieder neu herausgefordert.“

Wie sieht ein normaler Arbeitsalltag bei dir aus, und gibt es überhaupt so etwas wie einen „normalen Arbeitsalltag“?

Also es kommt immer darauf an, ob gerade Endproben (Generalproben vor dem Stück) laufen, oder ob es eher ein bisschen ruhiger zugeht. Ein normaler Arbeitsalltag würde z.B. wie heute aussehen: Vormittags bin ich im Büro und bereite die Proben vor. Dann gibt es nachmittags und abends die Proben, und (...) das war der Tag. Oder es geht schon ganz früh morgens los, und man recherchiert am Schreibtisch. Man sucht für das Stück bestimmte Musiktitel heraus, dann geht man auf die Bühne und probiert manches aus. Es ergibt sich vielleicht eine aufregende Situation, weil die Proben früher beginnen (da Endproben sind), und die ganze Konzentration liegt auf dem Stück.

Welche Fähigkeiten sollte man deiner Meinung nach mitbringen um deinen Beruf ausführen zu können?

Um ein Theater aufzubauen, muss man Risikobereitschaft, Kreativität und viele Ideen, Kommunikationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Sendungsbewusstsein und ein gewisses Stehvermögen haben, sodass dich nicht so schnell alles umhaut.

Mich hat zu Beginn vieles einfach umgehauen, das ist jetzt auch nicht mehr der Fall. Ein großes Selbstbewusstsein ist grundsätzlich auch von Nöten. (...) Und eben auch ein Bewusstsein von dem, was du kannst und was du nicht kannst, nach dem Motto „Lass die Finger davon, wenn du das und das nicht kannst.

„Dass du dein Konzept umschmeißt und was ganz anderes machst – aus dem Bauch heraus, spontan, improvisieren – das musst du können.“

Was zählt alles zu deinen Aufgaben, also wie sieht dein Berufsbild aus?

Regisseurin, Ausstatterin, Kostümbildnerin, Bühnenbildnerin, Geschäftsführerin - du vereinst ganz viele Berufszweige in diesem Job. Dann habe ich noch buchhalterische Aufgaben, Schreibtischtätigkeiten, muss mich um die Werbung kümmern, eine Brand aufbauen, meine Mitarbeiter briefen. (...) Was ich am schwierigsten finde ist die Kommunikation untereinander. Ich finde Kommunikation grundsätzlich Thema Nummer eins im Leben.

Es ist so variantenreich, also jeden Tag ist irgendetwas anderes, und du wirst auch immer wieder neu herausgefordert, (...) nicht nur innerhalb der Gruppen oder der theaterpädagogischen Arbeit, sondern grundsätzlich. Spielpläne und Stundenpläne erstellen, darüber nachdenken, wie sich das theater im e.novum nach außen hin darstellt, Pressekonferenzen vorbereiten, Werbung schalten usw., das sind ja unheimlich viele verschiedenartige und differenzierte Tätigkeiten. Das Interessante ist der Umgang mit den Menschen und was du dann im Endeffekt erzielst: Wie die Menschen wachsen können, wenn ein Stück aufgeführt wird, wie der Zusammenhalt von den Menschen ist, und wie alle gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiten.

 

Es ist jetzt aber auch nicht so, dass du irgendwie mal sagst „Das verfolge ich nicht weiter.“?

Doch, das gibt’s auch. (...) Oft ist es auch so, dass man ein Konzept hat und dann merkt: „Das funktioniert nicht.". Dass du dein Konzept umschmeißt und was ganz anderes machst – aus dem Bauch heraus, spontan, improvisieren – das musst du können.

 

Theater im Wandel – Hat sich etwas im Alltag für die Kinder verändert und merkt man die Folgen davon, was den Andrang (zum Theater) betrifft und das Verhalten der Kinder/Jugendlichen?

Der Witz ist ja der, dass die Kinder immer mehr zu tun haben. Die Schule ist unheimlich fordernd und dennoch kommen immer mehr Kinder ins Theater. Vielleicht sogar als Ausgleich für diesen Stress, den sie in der Schule haben.

Das hat sich wirklich verändert, aber nach wie vor steht und fällt dieses Theater mit Anmeldungen für die Ensembles, und was sich auch noch meines Erachtens verändert hat, ist die Qualität. (...) Meine Ansprüche an eine gute Produktion sind enorm gestiegen: Was die Ausstattung, die Regiearbeit und die Schauspieler anbelangt.

„Die Prioritäten haben sich ein bisschen verschoben, seit ich nun Enkelkinder habe. Ich kann jetzt auch besser delegieren und habe auch Kräfte, die das wunderbar ohne mich machen.“

Was waren denn besondere oder prägende Ereignisse in den letzten Jahren?

Also persönlich für mich einschneidend war, dass ich in den letzten 10-12 Jahren oft 80 Stunden hier war und dadurch auch ein bisschen meine Familie vernachlässigt habe.(...) Die Prioritäten haben sich ein bisschen verschoben, seit ich nun Enkelkinder habe. Ich kann jetzt auch besser delegieren und habe auch Kräfte, die das wunderbar ohne mich machen. Aber es ist schon so, dass ich sage, dass sich die Prioritäten und die Parameter für das Berufsleben völlig verschoben haben. Früher gab es für mich nur das Theater und jetzt ist es an die zweite Stelle gerückt.

Was noch einschneidend war ist, dass ich mich für die Arbeit, die ich hier mache, immer stark gewürdigt fühle. Ich habe den Kulturpreis des Landkreises Lüneburg verliehen bekommen, das ist der erste und einzige Preis, den ich bisher in meinem Leben bekommen habe. Und ich merke ja auch so, dass viele Menschen meine Arbeit positiv aufnehmen. Ich bekomme Leserbriefe und Mails (...), wodurch ich dann merke: „Okay, das was hier gemacht wird bringt die Menschen weiter und ist etwas Positives und etwas Gutes.“.

„Ich mache das jetzt 20 Jahre. Es kann und muss etwas Neues entstehen.“

Was macht dir mit am meisten Spaß an deinem Beruf und was bereitet dir die meisten Sorgen?

Am meisten Spaß macht mir die Entwicklung eines Stücks mit den Jugendlichen und den Erwachsenen zusammen: Wie kommt man von einem Text zu etwas, das man vorzeigen kann?

Sorge macht mir die Zukunft dieses Theaters und wie es weitergeht ohne mich. Und auch wie ich ohne das Theater weiterleben werde. (...)

 

Wie sieht die Zukunft denn nun aus, wenn du mehr delegierst und abgibst? Hast du da schon eine (konkrete) Vorstellung?

Ja, habe ich. Irgendwann müsste ich dann auch mal abgeben, denn ich mache das jetzt 20 Jahre. Es kann und muss etwas Neues entstehen.

Die Idee ist eigentlich, dass hier ein theaterpädagogisches Zentrum mit Gesang, Tanz, Weiter- und Fortbildungen entstehen soll. Sodass Leute hier nicht nur Theater spielen, sondern man sich auch in Theaterpädagogik in Form von Lehrerfortbildungen, Erzieherinnenfortbildungen usw. weiterbilden kann. Das ist so der Grundgedanke, der mich beschäftigt.

IM GESPRÄCH:
Dramaturg Arne Bloch - ehemaliges Ensemblemitglied
 

„Es war auch durchaus herausfordernd und auch nicht ohne Druck, den ich aber durchaus richtig finde und der auch eine Realität des Theaters vermittelt. (...) Bei Margit hatte und habe ich immer das Gefühl,  dass sie etwas erzählen möchte, mit einem Verständnis für Theater und wie Theaterkunst aussehen kann.“

© Marc Lontzek

Arne Bloch, geboren 1990 in Lüneburg, hat zehn Jahre im theater im e.novum diverse Kurse belegt. Angefangen mit ersten Theater- und Clownsworkshops bei Margit, noch vor dem Bestehen des Theaters, wurde er um die Jahrtausendwende Mitglied des ersten Kinderensembles des theaters im e.novum. Nach seinem Abitur 2010 hat er im Rahmen eines FSJ Kultur in der Dramaturgieabteilung am Staatstheater in Schwerin gearbeitet. Nach weiteren Hospitanzen im Dramaturgiebereich in drei Theatern in Berlin, einem Bachelor Dramaturgiestudium in Leipzig 2012 und einem Master Dramaturgiestudium in München 2015, war er 2017 als Dramaturgieassistent am Staatstheater in Nürnberg tätig. Seit 2018 arbeitet er als Dramaturg am Landestheater Detmold.

 

Durch die Zeit am theater im e.novum konnte Arne auf oft spielerische Art und Weise ein Bewusstsein vermittelt bekommen, wie man sich im Raum bewegt und anderen Menschen, sowie auch sich selbst, gegenübertreten kann. Auch eine gewisse Form der Intuition und ein Gespür über die Prozesse des Theaters konnte die Zeit im Theater Arne näherbringen. Als besonders prägend und wichtig sah er hierbei die Normalität und Selbstverständlichkeit der Integration der Proben in den eigenen Alltag, und die von Margit aufgestellte Regel 15 Minuten vor Probenbeginn am Theater zu sein. Auch in seiner heutigen Tätigkeit als Dramaturg, ein Beruf dessen Rolle oft eher im Hintergrund der Bühne platziert ist, konnte die Zeit auf der Bühne Arne weiterverhelfen. Sei es die Einführung vor einem Stück oder ein Nachgespräch nach einer Matinee Vorstellung – Arne gelingt es schnell eine stressfreie Routine und Sicherheit beim Sprechen vor Publikum zu entwickeln.

Reflexion und Erfahrungen während der Theaterproben

Nach der Kontaktaufnahme und einem ersten Gespräch mit Margit bin ich relativ offen und dennoch gespannt in die Proben des Jugendensembles 3 und Erwachsenensembles 1 gegangen. Dort angekommen wurde ich auch direkt in die Aufwärmübungen miteinbezogen, ohne dass man mein Dabeisein oder der Intention meines Besuchs groß Bedeutung schenkte. Die Stimmung wirkte weder angespannt oder noch irgendwie anders. Es wurde quasi ganz normal geprobt und ich durfte daran teilnehmen. Die zweistündige Probe des Jugendensembles für das Stück „Busfahrt mit Kuhn“ war noch ziemlich in den Kinderschuhen. Auch wenn die Rollen schon verteilt waren, standen Skript und auch genaue Vorstellungen der Inszenierung noch nicht fest, und es wurde viel, sei es mit Pantomime, Sprechart, Körperausdruck, Anordnung, experimentiert. Die Beziehung zwischen den Jugendlichen und Margit wirkte auf mich sehr vertraut und eingespielt – auch wenn es ab und an zu (Meinungs)-Unterschieden oder etwas Chaos kam, waren beide Seiten sehr verständnisvoll im Umgang miteinander.

Die darauf anschließende Probe des Erwachsenenensembles für das Stück Grandhotel Bruckbeuren (Arbeitstitel) verlief noch einmal etwas anders. Schon teils die Aufwärmübungen, an denen ich erneut teilnahm, und durch verschiedene Improvisationsübungen auch ziemlich aus meiner Komfortzone herausgelockt wurde, waren verschieden von denen des Jugendensembles. Die Probe verlief, wie sich im anschließenden Interview mit Margit auch nochmal bestätigen ließ, etwas anders als erwartet ab, da das Skript noch nicht stand. Hier zeigte sich, dass Theaterproben viel mit Improvisation, Feingefühl für eine Gruppe und Situation zu tun hat, und wie sehr die Stimmung der Teilnehmenden aber auch der Leitung zu berücksichtigen ist. Es läuft nie so wie geplant ab und die Bereitschaft und das Können Pläne abzuändern oder gar zu verwerfen, von ganz Neuem anzugehen, gehört zum Alltag einer Theaterleitung dazu.

 
 
...und ein paar abschließende Gedanken

Meine Zeit am theater im e.novum war für mich persönlich eine neue, interessante und sehr angenehme Erfahrung. Ich konnte einen kurzen Einblick in den abwechslungsreichen Arbeitsalltag einer Theaterleitung, Regisseurin, Geschäftsführerin (und viel mehr) erhaschen und meiner Frage, wie man den Berufsalltag vielschichtiger (Kreativ)berufe und gleichzeitig sein soziales Privatleben meistern kann, nachgehen. Bewusst wurde mir hierbei besonders, dass es wie auf so viele Fragen im Leben keine klare Antwort gibt, und im Endeffekt viel damit steht und fällt, wie man die Dinge selbst gewichtet. Das Gespräch mit Margit konnte zeigen, dass sich die eigenen Prioritäten von Berufs- und Privatleben mit der Zeit auch verändern können, und man dementsprechend immer bereit sein sollte, sich auf Ungewisses und Veränderungen einzulassen. Intuitiv, risikobereit, wandelbar, kreativ und charakterstark – so würde ich die Arbeit im Theater beschreiben.