HALLO, WIR SIND DIE JUNGEN KREATIVEN - WIR WOLLEN DIE STADT MITGESTALTEN

Mit diesem Satz klopfen Ellen, Martim und Florian 2001 an die Türen von Lüneburger Unternehmen, Banken und Existenzgründungszentren. Kaum die Fachhochschule für Technik und Gestaltung in Flensburg hinter sich gelassen, wollen die drei ihr eigenes Unternehmen gründen. Der Entschluss, sich selbstständig zu machen, kam den dreien während eines Messeaufenthalts in München im Rahmen der Ausbildung an der Fachhochschule, die eine zweijährige Ausbildung berufsgleich zum Innenarchitekten voraussetzt. Den Begriff Start-Up gab es damals noch nicht. Es war von Existenzgründung die Rede. Wieso, weshalb, warum und vor allem was genau sie machen wollen, stand damals noch nicht fest. Hauptsache unabhängig sein und das machen, was man gerne macht.

 

Heute, knappe 19 Jahre später, besuche ich Florian Kienast in dem Büro seines Unternehmens FORMWÆNDE nahe der Lüneburger Innenstadt. Er leitet als einzig übrig gebliebener der drei Gründer-/innen von FORMWÆNDE im Jahr 2001 ein inzwischen siebenköpfiges Team und hat mit dem Innenarchitekturbüro über 300 Projekte von Messeständen über Privathäuser bis hin zu Restaurants realisiert. Besondere Highlights sind der dreistöckige Gastronomiebereich in der Hamburger Elbphilharmonie, das Restaurant Clouds in den Tanzenden Türmen von Hadi Teherani sowie die Restaurants Heritage und Coast in Hamburg. Nachdem Florian mit seinen Mitarbeiter-/innen die aktuelle Lage einiger der ungefähr 30 laufenden Projekte besprochen hat, setzen wir uns in seinem Büro zusammen, um über den Gründungsprozess von FORMWÆNDE zu sprechen.

Foto: © Dan Hannen

Foto: © Dan Hannen

Über allem stand der Wunsch unabhängig zu sein

Der Entschluss „Wir machen uns selbstständig“ stand zum Jahreswechsel 2000/2001 fest. Ein spezifisches Projekt oder einen Standort gab es da noch nicht. Durch die verschiedenen Hintergründe von Ellen, Martim und Florian waren sie in der Lage, Planung von Innenraumkonzepten, Produktdesign und Illustration zu verbinden. Ihre Chancen sahen sie darin, dass sich Unternehmen zeitgemäßer präsentieren mussten, um am Markt zu bestehen, wobei Design ein wichtiger Wettbewerbsfaktor gewesen sei. Außerdem würde sich in Zukunft die Wohnwelt stark verändern und neue Generationen neben Geld auch immer mehr Immobilien erben, wobei der Wunsch nach einer Umnutzung oder Renovierung bestehe. Den Standort haben sich die drei dann ganz pragmatisch ausgesucht. Mit Blick auf die Landkarte wurde geschaut, welche Städte es rund um Hamburg gibt, die infrage kommen würden. Am Ende fiel die Wahl dann auf Lüneburg. In der Stadt mit ihren rund 70.000 Einwohnern sei es deutlich einfacher gewesen, Fuß zu fassen und Konkurrenz nur gering gegeben. Dazu kam eine damals gute wirtschaftliche Lage im Vergleich zu anderen Städten nach der Wende und die strategisch günstige Verkehrsanbindung an Hamburg und seine Unternehmen.

Foto: © Dan Hannen

Diese Idee hat Zukunft, aber nicht mit uns

Von der Idee bis zur tatsächlichen Gründung von FORMWÆNDE am 01.10.2001 verging ungefähr ein dreiviertel Jahr. Architekten galten damals mit einer Arbeitslosenquote von ca. 20% als Risikogruppe, was die Gespräche mit den Banken erschwerte. Das Konzept fanden alle gut, ein Darlehen geben wollte sie den „jungen Kreativen“ hingegen nicht. Die ortsansässige Sparkasse war schließlich diejenige, die ein Darlegen gewährt hat, da sie an die drei Menschen, die hinter der Idee standen, glaubte.

In den ersten beiden Jahren nach der Gründung hatte das Planungsbüro zwar immer Projekte, musste aber auch jeden Monat drei volle Gehälter zahlen. Es habe Phasen gegeben, die so überbrückt worden sein müssen. Ellen war das zu unsicher und sie stieg als Gesellschafterin aus. Ende 2004 stehen Martim und Florian vor der Frage, wie es weitergehen soll. Will man noch weitermachen? Sucht sich doch jeder seinen eigenen Weg? Steuerberater und bekannte Unternehmer raten Florian damals auch alleine weiterzumachen und ab 2004 geht es langsam bergauf. Auf die Frage, was ihn motiviert, in schwierigeren Momenten nicht aufzugeben, antwortetet Florian, dass es wichtig sei, positiv durchs Leben zu gehen. Wenn man eine Vision habe, sein Leben und seine Welt zu gestalten, motiviere das, weiterzumachen: „Der Beruf ist mein Leben und keine Arbeit.“

2004 weiterzumachen sei rückblickend die beste Entscheidung im Gründungsprozess gewesen. Die schlechteste Entscheidung sei gewesen, nicht noch mutiger gewesen zu sein und sich immer vor Augen geführt zu haben, dass alle anderen „auch nur mit Wasser kochen würden“. Dazu gehöre auch der Mut, sofort zu sagen, wenn es einmal nicht passt - ob das jetzt mit Kunden oder Mitarbeiter/-innen sei.

Foto: © Dan Hannen

Man kann nicht verlieren, nur gewinnen

Als Kind habe Florian vermutlich einmal Landwirt werden wollen, da er dort großgeworden sei. Manchmal wünsche er sich auch jetzt, mal wieder rauszukommen. Das sei manchmal die Negativseite seines Berufes: die teilweise viele Bürozeit oder lange Termine. Trotz gewisser Zwänge, die es auch jetzt noch gibt, würde er es aber immer wieder so machen. Für die generelle Freiheit, entscheiden zu können, welche Projekte man machen wolle, nehme er das gerne in Kauf. Wenn es eine Sache gibt, die er Menschen raten würde, die selbst ein Unternehmen gründen wollen, wäre das mutig zu sein und „einfach mal zu machen“. Natürlich würde man auch mal auf die Schnauze fallen, aber dennoch sollte man die Sache angehen, anstatt nur darüber zu reden es zu machen. Wenn man zwei/drei Leute habe, die einen auf dem Weg unterstützen umso besser. Außerdem habe er gelernt, dass es besser sei transparent zu sein und Wissen mit der Konkurrenz zu teilen, anstatt stur sein eigenes Ding zu machen. Dabei könne man „nicht verlieren, sondern nur gewinnen“.

 

 

 

Wie Florian mir von der Gründung von FORMWÆNDE erzählt kannst du hier auch als Podcast hören.

Foto: © Dan Hannen